Monday Night Raw – ein extremes Spektakel für Grenzgänger
Ein Gitarrenriff ertönt, Pyros werden lautstark in die Luft gejagt und eine johlende Menschenmenge zelebriert den Beginn der wöchentlichen WWE Show “Monday Night Raw”. Für nicht wenige Menschen ist “Raw” zu einem Ritual geworden. Die Wrestling-Show läuft durchgehend seit 1993 und ist damit neben Serien wie “Die Simpsons” eine der am längsten ausgestrahlten Episoden-Formate überhaupt.
Während die einen den Kopf über diese Spektakel schütteln, ist es für die anderen bereits zu einer Parallellwelt geworden.
Die WWE strahlt neben der Live-Show “Raw” zwei weitere aufgezeichnete Formate pro Woche aus und bietet den Fans durch das Internet-Angebot, div. Videospiele, Comics und einem Print-Magazin genug Anreize sich täglich mit ihrer Welt auseinanderzusetzen. Das Unternehmen bezeichnet sich, sein Angebot und dessen Fans passenderweise als “WWE Universe” – eine in sich geschlossene Alternativ-Realität mit eigenen Regeln und Konventionen.
Die Shows der WWE polarisieren stark. Zum einen im Bezug auf die Gesamt-Ästhetik aus Rock ‘N Roll, Zirkus und Sport, welche unmittelbar Abneigung oder Faszination im Zuschauer hervorruft und zum anderen intern durch gelenkte Provokation. Diese Provokationen dienen dazu eine aufgebrachte Grundstimmung zu erzeugen (“Heat”). Die Wrestling-Welt ist hierzu strikt in ‘Gut gegen Böse’ eingeteilt. Der ‘böse’ Wrestler wird meistens versuchen die Fans durch unfaire Aktionen und beleidigende Ansprachen gegen sich aufzubringen, während der gute sauber kämpft und auf positive Art und Weise mit dem Publikum interagiert.
Während man bis in die späten 80er versucht hat das Geschehen als real zu verkaufen und die amerikanischen Massenmedien dieses Spiel gerne mitspielten, trägt ‘Monday Night Raw’ heutzutage selbstironische Züge durch Übertreibung oder humorvollen Umgang mit den eigenen Klischees. Der typische WWE-Humor ist brachialer, infantiler Slapstick, welcher von gnadenlos comichafter Überzeichnng der verkörperten Charaktere lebt.
Das Geschehen wirkt auf Aussenstehende nahezu skurill. Nur selten belässt man es bei der Simulation einer sportlichen Auseinandersetzung zweier Akteure. Häufig greifen aus Gründen der Dramaturgie andere Wrestler von aussen ein, oder es werden Klappstühle als Waffe eingesetzt. Häufig viele Male pro Show. Teilweise auch regulär (“No Disqualification”-Regeln) und teilweise hinter dem Rücken des Ringrichters.
Diese Show-Elemente haben einen traditionellen Hintergrund. Denn als Wrestling noch als echter Sport verkauft wurde, setzte man diese Elemente sehr sporadisch ein um das Publikum gezielt in Rage zu versetzen. Diese Skandale verhalfen der WWE populärer zu werden und noch mehr Karten für entsprechende Rückkämpfe zu verkaufen.
Heutzutage handelt es sich um inflationär eingesetzte Show-Highlights, welche das Publikum als normal wahrnimmt und entsprechend einfordert.
Wrestling ist eine Show der Extreme – laut, brachial, gewalttätig, exzessiv. Es verwundert nicht, dass sich sowohl bei den Akteuren, als auch bei den Fans immer wieder Strukturen einer Borderline-Persönlichkeit zeigen.
Die Borderline Störung ist u.a. gekennzeichnet von einem riskanten Lebensstil, einer schwarz-weiss Wahrnehmung, gleichzeitiger Liebe und Entwertung, innerem Druck, Rastlosigkeit, Selbstverletzung, innerer Leere, infantilem Gefühlsleben, Missbrauch von Substanzen und der Sucht nach Extremen. All dies findet sich im Leben der Wrestler und im Wesen der Show wieder.
Während auf der Showbühne surrealer Perfektionismus vermittelt wird, ist das Leben vieler WWE-Stars eine einzige Tragödie. Gewaltausbrüche durch mangelnde Impulskontrolle, Krankenhaus-Aufenthalte und Suspendierung wegen Drogen und Missbrauch von Medikamenten, scheiternde Beziehungen, instabile Familienverhältnisse, bewusst zugeführte Selbstverletzungen im Ring um den Sport besser zu verkaufen, Selbsthass, Angststörungen, moralische Verwahrlosung bis hin zum vorzeitigen Tod.
Wrestling nährt in hohem Maße die typischerweise ausgeprägten Bedürfnisse der Instinktbefriedigung von extremen Persönlichkeiten. Der Zuschauer will immer mehr Action, mehr Brachial-Humor, mehr Lärm, riskantere Aktionen um weiterhin einen Kick aus der Show zu ziehen. Es ist ein infantiler Wunsch nach Verschmelzung. Er will sich laben am Narizssmus der Wrestler, ihre Stärke auf sich transferieren, ihre Emotionen aufsaugen um letztlich zu einem extatischen Punkt der Euphorie zu gelangen (“Mark-Out”).
Vereinzelte Kritiker bezeichnen Wrestling als homosexuell gefärbten Sport. Wenngleich Wrestling auf schwule Männer eine starke Anziehungskraft ausüben dürfte, ist dennoch der Wunsch nach Omnipotenz ungleich vordergründiger. Die Aufwertung der eigenen Manneskraft am Vorbild des Wrestler-Ideals scheint eine weitaus plausiblere Erklärung der sexuellen Komponente zu sein, da kein signifikant erhöhter Anteil an Homosexualität im Umfeld des Sports erkannt werden kann.
Grundsätzlich muss beim WWE-Zuschauer natürlich nicht zwangsweise eine entsprechende, pathologische Voraussetzungen erfüllende Disposition gegeben sein. Allerdings sind einige Auffälligkeiten zu beobachten. Neben dem hohen Anteil an Minderjährigen setzt sich das überwiegend männliche Publikum nach Beobachtung des Autors aus überdurchschnittlich vielen adipösen Personen zusammen. Auch ist ein Hang zum schlichten Gemüt erkennbar, während die Tendenz zu Borderline-Strukturen eher im Bereich der gebildeteren, intellektuelleren Wrestling-Fans auffällt. Bei Zuschauern, in deren Interessengebiet es eine Überschneidung zwischen Wrestling und Mixed Martial Arts gibt, ist häufig eine Neigung zu Themen wie Kraftsport & Fitness ersichtlich. Die Beweggründe eine Wrestling-Show zu besuchen tendieren in diesem Fall in eine sachlichere Perspektive auf das Geschehen und dem Hauptaugenmerk auf Körperkult und Kampfsport. MMA-Fans sind durchaus ebenso schnell über die Instinkt-Ebene zu erreichen, erscheinen allerdings i.d.R. kontrollierter im Bezug auf dem Wunsch nach Brachialität und Exzess.
Die WWE generiert letztlich künstliche Helden. Der Wunsch nach Ikonen-Verehrung an sich ist auch nicht neu. Gerade wenn es an Vorbildern im persönlichen Umfeld mangelt oder die Ambivalenz realer Personen Enttäuschungen hervorruft, sind Menschen schnell empfänglich für derlei Figuren.
Und manchmal bringt der Sport ja doch den ein oder anderen richtigen Helden hervor. Wenn bspw. ein altgedienter Veteran wie Shawn Michaels nach 20 Jahren in einem letzten, spannenden Match verliert und mit einem bescheidenen Lächeln von der Showbühne abtritt um mit seiner bewegten Vergangenheit, den unzähligen Erfolgen und all den schönen Erinnerungen zuhause von einer liebenden Frau und seinen beiden Kindern erwartet zu werden, dann ist das ein Moment von anerkennenswerter Größe.