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Musik(er)gefängnis Internet


Emotion unerwünscht

Das Internet ist für Musiker kein guter Platz sich auszutauschen. Die einseitige, rationale Kommunikation, wie sie durch das Medium vorgegeben ist, tötet den Geist ab und nimmt uns die Zeit uns mit inspirierenden Dingen zu beschäftigen. Wir tippen uns in Musiker-Foren die Finger über Dinge wie Equipment, Produktion usw. wund und reden nicht einmal über Sachen die uns wirklich zu Musikern machen, weil man sich öffentlich nicht emotional und verletzlich präsentieren möchte. Und wenn doch mal einer ausbricht und einen Blick in sein Seelenleben offenbart, dann spuckt der Rest darauf. Alles was im echten Leben wertvoll ist und ausgesprochen werden muss, verkommt im Internet zum Akt der Lächerlichkeit. Einfach aus dem Grund, weil Emotionen ausgeschrieben nun mal lächerlich aussehen, insofern die sich artikulierende Person weder eine geliebte, bekannte Person ist, noch ein Schriftsteller, der um die Technik weiss, Gefühle im geschrieben Wort für jeden nachvollziehbar zu machen.

Das Territorium des Theoretiker

Genauso haben unkonventionelle Erfahrungswerte im Internet gegen Bilderbuch-Theorie von Halbgelehrten keine Chance. Man kann die Dinge aus dem Bauch raus noch so richtig machen, der praxisferne Schlaubi-Schlumpf weiss alles besser und untergräbt die Autorität derer, die handfestes Wissen weitergeben können.

Eine andere Form des Theoretikers ist der Youtube-Internet-Musiker – komplett auf Spieltechnik fixiert, kein Respekt vor der Magie im Ton selbst und dem Charisma erfahrener Künstler. Er orientiert sich an nüchternen, technischen Maßstäben an und will vermeiden, dass Kunst weh tut.

Versteht mich in diesem Punkt bitte nicht falsch. Niemand muss Scheisse erleben um Musik zu machen und es schon gar nicht absichtlich herbeiführen – das wäre Irrsinn. Die Scheisse kommt früh genug von selbst zu einem, bricht die Eitelkeit, macht uns demütig. Daraus entstehende Kunst ist meist von höherer Bedeutung, als die leichtfüssige Kunst von Menschen, die keine Höhen und Tiefen kennen.

Doch welchen Ratschlag will der Lehrbuch-affine Nachwuchsmusiker, der mit beiden Beinen in der Realität steht und Abends nach der Arbeit 3 Stunden Homerecording praktiziert, denn  hören, wenn er in einem Forum folgende Frage stellt: „Stimme wie Tom Waits – viel Whiskey trinken?“ ?

Und glaubt die Bürofachangestellte, Mutter von 2 Kindern und Hobbysängerin denn wirklich, ein paar Gesangsstunden würden ihr den unnachahmlichen Ausdruck einer Amy Winehouse verleihen?

Sauf dir doch eine Stimme an

Offensichtlich wird das Besondere von diesen Menschen durchaus erkannt, aber gleichzeitig wird versucht es rational nachzuahmen. Doch die Besonderheit eines Künstlers ist das Besondere in ihm. Ein spezieller Blick, der ihn Dinge anders erleben lässt. Sowas kann man nicht weitergeben oder beibringen. Man kann den Leuten im Anflug von Zynismus auf den Weg mitgeben, sie könnten ja mal mit mehr Tabak und Schnaps probieren. Doch niemand wird durch Genußmittel-Missbrauch zum Künstler. Es ist vielmehr eine Falle, in die ein sensibler Mensch schnell tappt.

Es sind nicht Drogen die einen Künstler charismatisch machen. Vielmehr macht es ihn interessant, daß er trotz Sucht und seelischer Defizite in der Lage ist heller zu strahlen, als all die kleinen Lichter in seinem Schatten. Daß all die Ecken und Kanten ihn nicht ruinieren. Daß er brennt und durch seinen Glanz die Oberflächlickeiten der Gesundheitsprediger, Vernunftprediger, Alles-Prediger überschattet und sie und ihre kleine, pseudo-perfekte Welt Lügen straft.

Doch wie  soll das ein junger Musiker verstehen, der schon viel Geld für Equipment ausgegeben hat und meint sein Können und sein Ehrgeiz seien schon längst über allem stehend? Dieser junge Mensch gefällt sich selbst vor dem Spiegel so gut, daß man ihn zu seinem Selbstschutz in dem Glauben lassen muss. Vielleicht ist das ja auch alles gewesen was er wollte – sich selbst wieder gefallen.

Musikhören 2.0

Auch für Musikliebhaber ist das Internet kein Platz. Kein Erlebnis ist an die Beschaffung der Musik gekoppelt. Immer an den gleichen Stuhl gefesselt und die Hand an der Maus, ist es einzig der Kopf der auf Reisen geht. Der virtuelle Ramschladen bietet alles und nichts. Und immer sitzt dem Hörer das Gefühl im Nacken, daß das was er tut nicht in Ordnung ist. Der illegale Nutzer hat Angst vor dem Gesetz, der legale Nutzer ärgert sich darüber einen Euro für etwas zu zahlen, was er bei Piratebay umsonst bekäme. Er ärgert sich darüber, daß er seine Musik nicht problemlos kopieren kann. Er verbringt Zeit mit sammeln, sortieren, tauschen, beschriften, kategorisieren – und doch – es fühlt sich einfach nicht so gut an wie eine alphabetisch sortierte CD-Sammlung an der Wand.
Manche haben keine Lust auf sortieren und sammeln. Also liegt die halbe Musikbibliothek der Welt auf 500 GB verteilt auf div. Festplatten. Von Analphabeten getaggte Stücke die z.B. „Da Beetles – Help“ oder „Let Zepplin – Steerway 2 Heaven“ heissen, werden vom Winamp runtergespult und wem das zu blöd ist, der hört sich den Kram gleich in verminderter Qualität bei Youtube oder Myspace an.
Wenn man sich überlegt wieviel ein Engineer an Detailarbeit in den Mix steckt, wieviel Entscheidungsfragen wegen Nuancen in der Produktion geklärt werden müssen, erscheint der Aufwand angesichts der Genügsamkeit der Konsumenten fast lächerlich.

Der Kampf um das digitale Publikum

Bemerkenswert ist auch die Erwartungshaltung an makellose Form der Selbstdarstellung und Fähigkeit zur kompromisslosen Eigenvermarktung, die sich in den letzten Jahren eingestellt hat. Der Musiker 2.0 hat am besten schon mal ein paar Semester BWL absolviert, einen Kurs in Webdesign belegt und einen Business-Plan für die örtliche Bank in der Tasche. Aufgrund des hohen Berufs-Risikos und der sinkenden Nachfrage an muss schliesslich alles Hand und Fuß haben. Abgerissene Typen mit Metal-Shirts und zerfetzen Hosen sitzen mit Laptops im Proberaum und verwalten konsequent ihre Karriere. Rock ‚N Roll, anyone?

Das Internet fördert den Drang zur Aufwertung der eigenen Person bei gleichzeitigem Beitrag zur Entwertung der Musik im allgemeinen. Überall ist Competition. Die professionelle Form ist das Primär-Ziel im Kampf um den Hörer – MySpace, Artwork, Aufnahmequalität, Merchandise – alles muss 1A sein. Egal ob du Megaseller oder Dorf-Kapelle bist und ganz gleich, ob der musikalische Kern dem Aufwand standhält. Es wird nichts gewagt, nichts gesagt und niemandem wird weh getan. Man möchte sich schliesslich keinen Fehltritt leisten, also versteckt man sich hinter der Maske der Gefälligkeit. Dabei ist es egal ob es sich um Synth-Pop, Deutsch-Rock oder Death Metal handelt, so lange es nur eine zu bedienende Zielgruppe hat.

Wenn dabei versäumt wird, geschickt den Eindruck zu erwecken wichtig zu sein, wird sich das Angebot/Nachfrage Prinzip umkehren – denn der Musiker muss dann nachfragen, ob jemand vielleicht Lust hat sich den Kram anzuhören und der Hörer wird ihm das Angebot machen gütigerweise für 5 Minuten reinzuhören. In den Fällen wo es jedoch noch richtig herum läuft, greift meist das Prinzip „mehr Schein als Sein“ und dem Musiker ist es gelungen durch einen roten Faden in der Selbstdarstellung Relevanz vorzugaukeln. Was auf der Strecke bleibt sind echte Inhalte. Künstler wie Trent Reznor (NIN) haben ihre Seele längst an das Internet verkauft und Nachwuchs-Künstler kennen es nicht mehr anders.

Es mag kommerzieller Selbstmord sein, aber der Wunsch sämtliche MP3s und Künstlerseiten aus dem Netz zu nehmen manifestiert sich bei mir zunehmend. Vielleicht ist es aber einfach auch nur clever sich der Welt des Internets zu entziehen. Vielleicht ist es gerade die Verneinung des globalen Fortschritts, welche den Weg zum Fortschritt als Künstler ebnet.

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